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19.06.2017

FÜNF JAHRZEHNTE CARLSEN COMICS

Nahezu jeder, der in Deutschland mit Comics aufgewachsen ist, hat in seinem Leben schon einmal ein Album von Carlsen Comics gelesen. Seit 50 Jahren veröffentlicht der Carlsen Verlag in Hamburg Comics und gehört auch 2017 damit zu den wichtigsten Comicverlagen in Deutschland.

Angefangen hat alles 1967, als Carlsen begann, „Tim und Struppi“ und die „Peanuts“ („Snoopy und der Rote Baron“) zu veröffentlichen. In dieser Zeit fand der Verkauf von Comics hauptsächlich in Heftform am Kiosk statt, so war es kein geringes Wagnis, die Reihe „Tim und Struppi“ in Softcoveralben alleine über die Buchhandelsschiene zu vertreiben. Zunächst hießen die Bände auch noch „Tim-Bücher“, da man den Begriff Comic vermeiden wollte, doch als 1969 sechs Bände in die zweite Auflage gingen, konnte man selbstbewusster agieren.

Zu Beginn  der 1970er-Jahre startete man die Reihe „Comics - weltbekannte Zeichenserien“, in  der man dem deutschen Leser die besten Comicstrips der Welt in einem bunten Potpourri präsentierte: „Prinz Eisenherz“, „Flash Gordon“, die „Peanuts“ und vieles mehr wurden in großformatigen Strip-Sammelbänden abgedruckt, und damit untermauerte Carlsen seinen Anspruch, ein breit gefächertes Comicprogramm dem Leser zu bieten.

Ab 1974 wurden weitere frankobelgische Serien im Softcover lanciert und 1978  brachte Carlsen schon 16 Bände zum regulären Alben-Preis von 5,80DM auf den Markt. Im selben Jahr debütierten auch die Krimiserie „Blake und Mortimer“ des ehemaligen Hergé-Assistenten E. P. Jacobs und der Science Fiction-Klassiker „Valerian und Veronique“ von Pierre Christin und J.-C. Mézières. Beide Reihen werden auch heute noch bei Carlsen fortgesetzt.

Das gilt auch für die Reihen „Gaston“ und „Spirou und Fantasio“, die 1981 begonnen wur-den. Diese stammen von André Franquin, neben Hergé sicherlich der wichtigste und einflussreichste Zeichner aus dem frankobelgischen Sprachraum. In diesen Jahren wurde das Fundament für das Programm von Carlsen gelegt, welches speziell für Leser zwischen „7 und 77 Jahren“ war, wie es in „Tim und Struppi“ immer so schön hieß. Doch neben dem Etablieren dieser Comic-Klassiker war noch ein ganz anderer Aspekt 1981 von enormer Wichtigkeit: Mit „Corto Malteses“ und „Reisende im Wind“ wurden erstmals auch Comics verlegt, die speziell ein erwachsenes Publikum ansprachen. „Carlsen Spezial Comics“ nannte man das damals noch, später dann Edition Comic Art, und diese Comicromane waren eine Vorwegnahme der Graphic Novels.

1983 erschienen bei Carlsen Comics schon über 50 Novitäten und mit Andreas C.  Knig-ge, dem ehemaligen Herausgeber der Fachzeitschrift Comixene, hatte man einen Exper-ten an Bord geholt, der das Programm bis weit in die 1990er-Jahre prägen sollte. Unter Knigge wuchs das Programm, denn es gab noch etliche Klassiker, die zwar verteilt in Ma-gazinen abgedruckt wurden, aber bei Carlsen Comics erstmals eine chronologische Veröf-fentlichung in abgeschlossenen Alben erfuhren. Mit Tardi, Enki Bilal, Moebius und Will Eisner wurden die wichtigsten innovativsten Comickünstler bei Carlsen verlegt.

Ab 1986 wurden jedoch auch einheimische Künstler ins Programm geholt. Mit dem Ham-burger Matthias Schultheiss und der Serie „Die Wahrheit über Shelby“ wurde eine Tradition begonnen, die bis heute fortgesetzt wird, denn die Veröffentlichung deutschsprachiger Künstler ist ein wichtiger Schwerpunkt im Programm.

Knigge suchte auf der ganzen Welt nach Stoffen und so wurden 1989 die amerikanischen Meisterwerke „Der dunkle Ritter kehrt zurück“ von Frank Miller und „Watchmen“ von Alan  Moore und Dave Gibbons veröffentlicht. Auch der japanische Comic fand in dieser Zeit nach Deutschland. Carlsen war der erste Verlag, der die Serie „Akira“ von Otomo ab 1991 veröffentlichte. Allerdings wurden die Bände damals noch in westliche Leserichtung ummontiert, der große Siegeszug des Mangas stellte sich erst ein, als die Reihe „Dragon Ball“ von Akira Toriyama 1997 in östlicher Leserichtung (von rechts nach links) im handlichen Taschenbuchformat veröffentlicht wurde. Das irritierte zwar so manchen Buchhändler, der diese vermeintlich falsch eingebundenen Bücher gleich wieder zurücksenden wollte, aber gerade das machte auch das Alleinstellungsmerkmal dieser japanischen Form des Comics aus und der Erfolg wurde so groß, dass neben der Redaktion für Comics bei Carlsen auch eine eigene Redaktion für den Manga entstand.

Bei den traditionellen Comics setzte man in den 1990er-Jahren auf hochwertige Luxusausgaben („Carlsen Lux“) und das neue Genre der Fantasycomics wurde mit Softcoveralben aus dem „Troy“-Universum („Lanfeust“ und „Troll von Troy“)  einge-führt. Mit „Calvin und Hobbes“ von Bill Watterson kam zum Programm auch ein moderner Stripklassiker hinzu und Scott McCloud erklärt in seinem bahnbrechenden Buch „Comics richtig lesen“ den Comic - natürlich in Form einer Bildergeschichte.

In den Nullerjahren etablierte sich der Begriff der Graphic Novel (graphische Erzählung) immer mehr in Deutschland und neben einem eigenen Label für Comics,  die  abgeschlossen  im  Buchformat  erschienen,  waren  es vor  allem  junge  deutsche Künstler, die dadurch bei Carlsen eine Heimat fanden: Reinhard Kleist, Isabel Kreitz und Flix, die heut-zutage zu den renommiertesten Comickünstlern Deutschlands gehören, wurden ebenso verlegt wie das preisgekrönte Buch „Ein neues Land“ von Shaun Tan. Dass die Graphic Novel eine besondere Aufmerksamkeit auch jenseits eines comicaffinen Publikums erfährt, zeigt der Deutsche Jugendliteraturpreis für Reinhard Kleists „Der Boxer“ (2013) und der Gustav-Heinemann-Friedenspreis für seine Graphic Novel „Der Traum von Olympia“ (2016), beides außergewöhnliche Preise für Comics.

Das Erzählen mit Bildern und Texten scheint in der hohen Kultur angekommen zu sein, sicherlich auch ein Verdienst von Carlsen. Heutzutage präsentiert Carlsen Comics weiterhin ein Programm, das frankobelgische Klassiker, moderne Genrecomics, Zeitungsstrips und GraphicNovels nebeneinander vereint. Fünf Jahrzehnte Comicgeschichte zu schreiben ist schon außergewöhnlich genug, aber dass Carlsen Comics zu einer eigenen Marke geworden ist, dürfte einzigartig in Deutschland sein.

Quelle: Presseinformationen von CARLSEN COMICS

Text ist von Klaus Schikowski, Programmleiter des Bereichs Comics und Graphic Novels bei Carlsen


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